Es waren sieben Jahre vergangen. Sieben Jahre, seit Asha als verängstigtes zwölfjähriges Mädchen gegangen war, und nun kehrte sie als neunzehnjährige Frau zurück, eine selbstbewusste Studentin der Universität von Island.
Die Erwartung der Familie war ein Knoten komplexer Emotionen. Für Amina war es die Rückkehr einer Tochter, die nun eine Fremde war, eine Quelle sowohl immensen Stolzes als auch tiefer, nagender Angst. Für Deeqa war es die Ankunft ihrer anderen Hälfte, die lebendige Verkörperung der Freiheit, von der sie nur in E-Mails gelesen hatte. Und für Ahmed war es der erste reale Test der neuen Welt der Ideen, die er vorsichtig zu erkunden begonnen hatte.
Er fuhr Deeqa und Amina in die Stadt zum Flughafen. Er empfand eine seltsame Neugier, da er diese Schwägerin nur durch Deeqas Erzählungen und die Erinnerung an ein unglaublich intelligentes Kind kannte. Farah, sein Freund, hatte sich angeschlossen. Farahs Interesse war weniger neugierig als vielmehr anklägerisch; er wollte selbst sehen, was der Westen aus einer ihrer Frauen gemacht hatte, besonders aus einer, die die Meisterschülerin dieses berüchtigten UN-Projekts war.
Als Asha aus dem Ankunftsbereich trat, war der erste Schock, wie wenig und wie sehr sie sich verändert hatte. Sie war immer noch unverkennbar Asha, mit denselben intelligenten Augen und dem breiten Lächeln. Aber sie trug sich anders. Ihre Haltung war gerade, ihr Blick direkt. Sie ging mit einem langen, selbstbewussten Schritt, nicht den schlurfenden, bescheidenen Schritten der Frauen zu Hause.
Und sie trug Jeans. Ausgeblichene, bequem aussehende Jeans, kombiniert mit einer langen, lockeren Tunika von tiefem Blau, die nach jedem westlichen Standard bescheiden war, aber hier schockierend informell wirkte. Und ihr Haar, eine Kaskade aus dicken, schwarzen Locken, war völlig unbedeckt, nur von einer einfachen Spange zurückgehalten. Sie war ein Spritzer lebendiger, unapologetischer Farbe in der gedämpften Landschaft der Ankunftshalle.
Amina schnappte nach Luft, ein kleiner, verletzter Laut, und griff instinktiv nach ihrem eigenen Kopftuch.
Deeqa spürte einen Ruck, eine Mischung aus Schrecken und einem wilden, berauschenden Kribbeln. Es war eine Sache, über diese Freiheit zu lesen; es war eine andere, sie auf sich zukommen zu sehen, real und unbestreitbar.
Asha sah sie und ihr Gesicht erstrahlte in einem strahlenden Lächeln. Sie eilte vorwärts, ging an den Männern vorbei und warf sich zuerst ihrer Mutter und dann ihrer Schwester in die Arme, umarmte sie mit einer ungehemmten körperlichen Zuneigung, die in ihrer Intensität verblüffend war.
„Mama! Deeqa! Ich habe euch so sehr vermisst!“
Amina war steif in ihrer Umarmung, überwältigt. Deeqa umarmte zurück und atmete den seltsamen, sauberen Duft ihrer Schwester ein, den Duft einer anderen Welt.
Asha wandte sich dann den Männern zu. Sie nickte Ahmed respektvoll zu. „Es ist gut, dich endlich richtig kennenzulernen.“ Dann sah sie Farah an, ihr Lächeln wich nicht, aber ihre Augen wurden plötzlich, wahrnehmbar kühler. „Farah. Du hast dich überhaupt nicht verändert.“
Farah lächelte nicht zurück. Er musterte sie von Kopf bis Fuß, sein Blick eine langsame, absichtliche Bestandsaufnahme ihrer Verfehlungen – die Jeans, das unbedeckte Haar, der selbstbewusste Blick.
„Und du“, sagte er mit einer von falscher Höflichkeit triefenden Stimme, „hast dich komplett verändert. Wir hätten dich fast nicht wiedererkannt.“
Die Luft knisterte. Der Kampf hatte nicht einmal darauf gewartet, dass sie den Flughafen verließen. Die Fronten waren genau dort, auf den polierten Fliesen der Ankunftshalle, gezogen, ein stiller, augenblicklicher Zusammenprall zweier unvereinbarer Welten.
Abschnitt 9.1: Die Semiotik von Kleidung und Verhalten
Ashas Rückkehr verwandelt den abstrakten, intellektuellen Konflikt der letzten acht Kapitel in eine physische, unmittelbare Konfrontation. Das Schlachtfeld ist ihr eigener Körper, und jede Entscheidung, die sie über dessen Schmuck und Haltung getroffen hat, unterliegt nun einer intensiven politischen Prüfung.
Kleidung als Manifest: Ashas Jeans und unbedecktes Haar sind nicht nur modische Entscheidungen; sie sind ein politisches Manifest.
Die Jeans: In einer Kultur, in der die weibliche Form traditionell durch lockere, fließende Gewänder wie den Guntiino oder die Abaya verhüllt wird, sind Jeans eine radikale Aussage. Sie zeichnen die Form der Beine nach. Sie sind praktische, utilitaristische Kleidungsstücke, die mit Arbeit und Bewegungsfreiheit assoziiert werden – traditionell männliche Domänen. Sie zu tragen bedeutet, implizit die Ästhetik weiblicher Zerbrechlichkeit und Verhüllung abzulehnen.
Das unbedeckte Haar: Dies ist das stärkste Symbol. Wie bereits besprochen, ist es eine Ablehnung der Vorstellung, dass der Körper einer Frau eine gefährliche Quelle der Versuchung (Fitna) ist, die zum Wohle der Gemeinschaft verborgen werden muss. Es ist eine Erklärung der individuellen Autonomie über die gemeinschaftliche Ehre.
Farahs Reaktion ist keine Überreaktion; er liest den politischen Text von Ashas Erscheinung korrekt. Wenn er sagt: „Wir hätten dich fast nicht wiedererkannt“, spricht er nicht über ihr Gesicht. Er sagt: „Wir erkennen die politische und soziale Ideologie nicht wieder, die dein Körper jetzt repräsentiert.“
Verhalten als Ideologie: Über ihre Kleidung hinaus ist Ashas Verhalten selbst eine Herausforderung für die etablierte Ordnung.
Ihr selbstbewusster Schritt: Sie geht nicht mit gesenkten Augen und schlurfenden Schritten, wie es Deeqa gelehrt wurde. Ihr selbstbewusster, zielgerichteter Gang signalisiert, dass sie glaubt, ein angeborenes Recht zu haben, öffentlichen Raum einzunehmen.
Ihr direkter Blick: Sie begegnet den Blicken der Männer. In einem tief patriarchalischen System kann der direkte Blick einer Frau als Herausforderung der männlichen Autorität, als ein Akt der Insubordination, interpretiert werden.
Ihre ungehemmte Zuneigung: Ihre körperliche Umarmung ihrer Mutter und Schwester ist Ausdruck einer emotionalen Freiheit, die in starkem Kontrast zu dem zurückhaltenderen, formelleren Verhalten steht, das von Frauen erwartet wird.
Asha hat kein einziges Wort über FGM oder Frauenrechte gesagt, aber ihre bloße Anwesenheit – ihre Kleidung, ihre Haltung, ihr Blick – ist ein lebendiges, atmendes Argument gegen das System, das Deeqa hervorgebracht hat. Sie ist eine wandelnde Gegenerzählung. Farah, als selbsternannter Wächter des Patriarchats, erkennt dies sofort. Seine Eröffnungsbemerkung ist der erste Schuss in einem Krieg, der um die grundlegende Frage geführt wird, wer definieren darf, was eine Frau ist, was sie tragen und wie sie sich durch die Welt bewegen darf.